angemessene vergütung
Innerhalb weniger Jahre wurde aus der sogenannten Ärzteschwemme ein Zustand, der von verantwortlicher Seite fälschlicherweise gerne als "Ärztemangel" beklagt wird. Die statistischen Fakten belegen, dass es in Deutschland heute mehr Ärzte denn je gibt.
Mit dem Ergebnis, dass immer mehr Ärzte aus der kurativen Tätigkeit fliehen oder ihr Glück im Ausland suchen, wurde von politischer Seite - damit meinen wir auch standespolitischer Seite - die Attraktivität des Arztberufes demontiert.
Rechtzeitig zu den Kammerwahlen besinnen sich unsere obersten Standesvertreter mediengerecht der jüngeren Ärztegeneration, um deren Arbeitsbedingungen in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken.
Deutschland ist Schlusslicht bei der Vergütung seiner Ärzte. Ein persönlicher Wille etablierter standespolitischer Schlüsselfiguren ist nicht erkennbar.
Die liste-junge-aerzte.de weist darauf hin, dass sich jene Ärztevertreter durch ihre vielfältigen Posten und Funktionen im Interessenskonflikt zwischen Politik, Chefärzten, Kassenärztlicher Vereinigung und Ärztekammer befinden.
Unsere Forderung war und ist es, dass die erbrachte Arbeit entsprechend Qualifikation, Leistung und Einsatz adäquat honoriert wird. Wieder sind vier Jahre vergangen und das Gegenteil ist passiert. Die Arbeitsbedingungen einschließlich Vergütung haben sich nicht verbessert, sondern immer weiter verschlechtert. Inzwischen stehen wir laut einer britischen Studie (NERA 2004) hinsichtlich der Gehaltsbemessungen deutscher Ärzte im internationalen Vergleich an letzter Stelle. Das Vertrauen in die alten Strukturen ist aufgebraucht – deren Gründe, sich für die jüngeren Ärztegenerationen auch hinter der Bühne zu engagieren, nicht erkennbar.
Sowohl im Praxis- als auch im Klinikbereich wird hochqualifizierte Arbeit zu großen Teilen auf Niedriglohnniveau erbracht. Überstunden, Fleiß und Einsatzbereitschaft der Kollegen schaffen einen erheblichen wirtschaftlichen Mehrwert, an dem uns die Betreibergesellschaften nicht teilhaben lassen. Statt der Würdigung drohen wie gehabt weitere Stellen-, Honorar- und Gehaltskürzungen. Die Ärztemangeldiskussion gerät zur Farce, geht die Erwartungshaltung der Arbeitgeber und Kassen doch dahin, daß diese Fehlentwicklung von uns Ärzten durch weiterer unbezahlter Überstunden und Leistungsverdichtung am Limit der Verantwortlichkeit zu kompensieren ist.
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass eine handlungsbereite Ärztevertretung de facto nicht existiert. In Berlin sitzen Ärztekammer und Deutsche Krankenhausgesellschaft eng beieinander. Schön, dass man sich dort einig ist.
Zielsetzung der liste-junge-aerzte.de ist die Schaffung von Zulagen, Poolbeteiligungen und selbstverständlich die Anhebung der Vergütung an das internationale Niveau.
Für die niedergelassenen Kollegen unter uns fordern wir eine berechenbare und mindestens kostendeckende Honorargestaltung, denn verantwortungsvolles Handeln in der Medizin braucht sichere und verlässliche Rahmenbedingungen. Eine Deckelung trotz Mehrleistung, wie sie sich derzeit im Vertragsarztwesen gestaltet, erinnert an graue Planwirtschaft. Das hat noch nie funktioniert.
Was in der freien Wirtschaft undenkbar wäre, nämlich quartalsweiser Punkte- wertverfall und damit unkalkulierbare Honorare für erbrachte Leistungen, kann nicht akzeptiert werden. Damit ist der Vergleich mit anderen Freiberuflern oder Kleinunternehmen so nicht zulässig.
Wie selbstverständlich wird geleistete Arbeit nicht bezahlt.
Endlich legt die vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben Studie zum sogenannten Ärztemangel offen dar, aus welchen Gründen die Ausübung des kurativen Arztberufes so sehr an Attraktivität verloren hat. Ein kostspieliger Erkenntnisgewinn, der die politische Führung bislang zu keinerlei Konsequenzen veranlasst hat.
Die Umfragen ergaben, dass mit an erster Stelle der Attraktivitätsverlust auf einer unangemessenen Bezahlung unserer Arbeitsleistung beruht. Daneben spielen Arbeitsbedingungen, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf, steile Hierarchien und nichtärztliche Zusatzaufgaben eine wesentliche Rolle.
Wir meinen, dass der sogenannte Ärztemangel im kurativen Bereich "hausgemacht" ist und sich die Diskussion erübrigt, wenn die Vergütung stimmt und endlich vernüftige Arbeitsbedingunge geschaffen werden.
Dieses ist keine illusorische Forderung und kein Ding der Unmöglichkeit – auch nicht in Zeiten massiver Sparzwänge. Ganz im Gegenteil, wir sind überzeugt, dass der "benefit" für das gesamte Gesundheitssystem durch Stärkung der ärztlichen Schlüsselfunktion in der Patientenversorgung ungleich höher zu bewerten ist, als jener vordergründige Kostenfaktor.
Neben unseren niedergelassenen Kollegen sind die Klinikärzte die Träger der Kernkompetenz und des höchsten patientenbezogenen Arbeitsaufkommens.
Fakt ist: In der Gesamtkostenstatistik stellen sie nur eine untergeordnete Position dar.
Das Einkommen der allermeisten Ärzte in Klinik und Praxis ist nicht zu messen an den wenigen Spitzenverdienern. So ist die allgemeine Einschätzung vom Verdienst eines Arztes, wie sie gerne in der Öffentlichkeit zur Darstellung kommt, verfälscht. Dabei zeigt die oft missbrauchte Bereitschaft von uns Medizinern, während Studium und Ausbildung für wenig Geld oder unbezahlt zu arbeiten, dass die Vergütung für den Großteil unter uns nicht im Vordergrund steht. Doch irgendwann ist auch hier die Grenze erreicht.
Noch vor nicht allzu langer Zeit hieß das Rezept: "Je weniger Ärzte, desto weniger Kosten". Wer sich aus den Reihen der Ärztefunktionäre von diesem politischen Vorsatz zusätzlich auch weniger potentielle Konkurrenz durch nachrückende Generationen versprach, konnte dem gerne zustimmen.
Die Dinge sind an den Erfolgen zu messen, nicht an den fortwährenden Ankündigungen.
Noch tut man sich am Verhandlungstisch schwer, die guten Ausgangsbedingungen des relativen Ärztemangels für eine Anpassung und Anhebung unserer Vergütung zu nutzen. Sollen dieser Einsicht Taten folgen, brauchen wir eine starke liste-junge-aerzte.de. Denn nur Vertreter der Generation, deren eigene Interessen sich mit den Interessen ihrer Wähler decken, werden am Verhandlungstisch das halten, was sie versprochen haben.
